Was nicht gesagt wird
Nicht jede Spur ist materiell.
Manche bestehen aus Wörtern.
Ein Chronist beschreibt eine Stadt – aber er nennt keinen Markt.
Ein Text spricht von Frömmigkeit – und verschweigt den Alltag.
Eine Quelle betont Ordnung – und erwähnt keine Konflikte.
Auch das sind Spuren.
Geschichte entsteht nicht nur durch das, was überliefert wurde, sondern ebenso durch das, was fehlt.
Zwischen zwei Sätzen kann mehr liegen als in einem Absatz.
Ein Ortsname, der plötzlich wechselt.
Ein Begriff, der erst später auftaucht.in Schweigen, das zu konsequent ist, um Zufall zu sein.
Spurenlesen bedeutet hier: vergleichen.
Texte gegeneinander.
Begriffe gegen ihre Zeit.
Behauptungen gegen das Gelände.
Manchmal passt alles zusammen.
Manchmal nicht.
Und gerade dort, wo etwas nicht passt, beginnt die Arbeit.
Nicht um zu widerlegen.
Sondern um zu verstehen, wie Menschen ihre Wirklichkeit beschrieben haben.
Zwischen den Zeilen liegt keine Wahrheit.
Aber ein Hinweis.
Und manchmal genügt das.