Milchverarbeitung und Fermentation in der Frühphase der Nutztierdomestikation
Vorderer Orient (Mesopotamien und Levante)
Kritische Rekonstruktion für die experimentelle Archäologie
Autor: Aron Kamphausen
Einleitung
Die frühe Milchverarbeitung im Vorderen Orient entwickelte sich im direkten Zusammenhang mit der Domestikation von Schaf (Ovis aries) und Ziege (Capra hircus) im 8. Jahrtausend v. Chr.¹ Im semiariden Klima der Region stellte Rohmilch ein hochverderbliches Gut dar, das innerhalb kurzer Zeit säuerte. Diese Eigenschaft wurde früh als technologischer Vorteil erkannt und systematisch genutzt. Milch entwickelte sich damit nicht nur zu einem Nahrungsmittel, sondern zu einem strategischen Rohstoff innerhalb haushaltsbasierter Subsistenzsysteme.
Im Folgenden wird diese Frühphase der Milchverarbeitung untersucht — eine technologische Situation, die durch Säuerung, Entwässerung, Trocknung und einfache Wärmebehandlung gekennzeichnet ist und der späteren Entwicklung standardisierter Käse- und Reifungstechnologien vorausgeht.²
Archäologischer und geografischer Kontext
Archäologische Befunde bestätigen die frühe Nutzung von Milch im Vorderen Orient. Besonders eindrucksvoll ist das Kupferrelief aus dem Tempel der Ninhursag in Tell al-ʿUbaid (frühdynastische Zeit, ca. 2800–2600 v. Chr.), das Melken, Transport und Verarbeitung zeigt.³ Ergänzend belegen Lipidanalysen aus Keramikgefäßen an Fundstellen wie Tell Sabi Abyad und Godin Tepe charakteristische Milchlipide.⁴
Diese Befunde dokumentieren Milchverarbeitung an mehreren Fundstellen ab dem 7. Jahrtausend v. Chr.; die regionale Verteilung und Chronologie variieren jedoch.⁵
Unglasierte Tongefäße spielten eine zentrale Rolle: ihre Porosität ermöglichte Verdunstungskühlung und beeinflusste Temperatur sowie Feuchte des Inhalts. Zugleich schufen sie ein mikrobielles Milieu, das wiederkehrende Fermentationsverläufe stabilisieren konnte. Die Bildung stabiler mikrobieller Gemeinschaften in poröser Keramik ist technologisch plausibel und funktional wahrscheinlich; ein direkter archäologischer Nachweis bleibt jedoch schwierig.⁶
Fermentation als Grundprinzip
Die frühesten Milchprodukte dieser Phase waren Sauermilchprodukte. Spontane Milchsäuregärung senkte den pH-Wert der Milch und erhöhte ihre mikrobiologische Sicherheit.⁷ Wird die geronnene Masse anschließend in Tüchern oder porösen Gefäßen abgetropft, entsteht ein konzentriertes Produkt vom Labneh-Typ.⁸ Der Abbau von Laktose erfolgt dabei zweifach: primär durch mikrobielle Fermentation und zusätzlich durch den Abfluss der laktosehaltigen Molke.⁹
Diese konzentrierten Sauermilchprodukte sind kein Endpunkt, sondern ein technologischer Knotenpunkt, von dem aus unterschiedliche Verarbeitungswege möglich sind (z. B. mildes Erwärmen, Formen, Salzen, Trocknen).¹⁰
Biologische Rahmenbedingungen: Laktoseintoleranz
Ein zentraler Faktor für die frühe Milchverarbeitung ist die weitverbreitete Laktoseintoleranz erwachsener Individuen in prähistorischen Populationen. Genetische und paläogenetische Studien zeigen, dass Laktasepersistenz erst deutlich später selektiert wurde und in frühen bäuerlichen Gesellschaften des Vorderen Orients nur in geringem Maße vorhanden war.¹¹
Der direkte Konsum frischer Milch war daher für viele Erwachsene problematisch. Fermentation und Entwässerung reduzierten den Laktosegehalt erheblich: Milchsäurebakterien verstoffwechseln einen Teil der Laktose, und verbleibende Laktose wird mit der Molke entfernt.¹² So entstanden Produkte, die für einen größeren Teil der Bevölkerung bekömmlich waren. Sauermilchprodukte erfüllten damit eine doppelte Funktion: Konservierung und ernährungsphysiologische Anpassung.¹³
Weiterverarbeitung und Haltbarmachung
Für längere Haltbarkeit wurden Sauermilchprodukte weiterverarbeitet. Getrocknete Sauermilchprodukte und Trockenkäse sind im Vorderen Orient spätestens seit der Bronzezeit belegt.¹⁴ Ein naheliegender, technologisch sinnvoller Schritt ist das milde Erwärmen der Sauermilch (ca. 40–50 °C), wodurch sich der Bruch fester zusammenzieht und die Trocknung erleichtert wird; dieser Schritt ist jedoch nicht zwingend erforderlich.¹⁵ Luft- und Sonnentrocknung allein können ebenfalls zu haltbaren Produkten führen, wenn auch langsamer und mit höherem Verderbsrisiko.¹⁶
Die so entstandenen Vorformen späterer Kashk-/Jameed-Typen wurden geformt, gesalzen und vollständig getrocknet. In dieser Form sind sie monatelang bis jahrelang lagerfähig und dienen als konzentrierte Eiweiß- und Mineralstoffquelle.¹⁷
Getreide als Partner der Milch
Die Kombination von Sauermilch und Getreide ist in den Nahrungsweisen des Vorderen Orients tief verwurzelt.¹⁸ Obwohl die moderne Produktform Kishk jünger ist, ist die technologische Logik, Sauermilch mit Gerstenschrot oder Mehl zu mischen und zu fermentieren, plausibel und wahrscheinlich bereits in der Bronzezeit praktiziert worden.¹⁹ Solche Hybride erhöhen die Energiedichte und Lagerfähigkeit von Milchüberschüssen.²⁰
Hybride Fermentationen: Milch, Hefe und Datteln (spekulativ)
Der Vorderorient war eine Kultur der Gärung: Bappir-Bier und Dattelgärungen sind gut dokumentiert.²¹ Die räumliche Nähe von Brau- und Milchverarbeitung in Haushalten macht mikrobiellen Austausch plausibel. Daraus ergibt sich die experimentelle Hypothese eines milchbasierten Hybridgetränks mit paralleler Milchsäure- und Alkoholfermentation.²² Direkte archäologische Belege fehlen; solche Szenarien sind daher als experimentelle Hypothesen zu behandeln.²³
Konservierung und Lagerung
Haushalte verfügten über ein breites Repertoire an Konservierungstechniken: Trocknung, Salzung, Pulverisierung sind vielfach belegt.²⁴ In der Levante wurde Sauermilch gelegentlich in Olivenöl konserviert; in Mesopotamien waren Sesamöl oder andere pflanzliche Fette wahrscheinlicher.²⁵
Die Behandlung kleiner Formen mit Asche ist ethnologisch belegt und schützt vor Insekten, reguliert Feuchte und stabilisiert die Rinden-Chemie.²⁶ Eine systematische, kontrollierte Käse-Reifung im modernen Sinn ist für das heiße Tiefland Mesopotamiens jedoch nicht eindeutig nachgewiesen.²⁷
Technologische Logik der Frühphase
Die Milchverarbeitung nach der Domestikation von Schaf und Ziege folgt einer technologischen Kaskade:²⁸
- Säuerung – spontane Milchsäuregärung als Sicherheitsmechanismus.
- Abtropfen oder mildes Erwärmen – Textur- und Feuchte-Kontrolle (Labneh-Typ).
- Trocknung und Salzung – zentrale Konservierungsstrategie (Kashk/Jameed-Typ).
- Hybridisierung mit Getreide – Erhöhung von Kaloriendichte und Lagerfähigkeit (Kishk-Typ).
Ton, Klima und Mikrobiologie wirkten zusammen: Gefäße kühlten und strukturierten Prozesse, während Umweltbedingungen die Geschwindigkeit der Fermentation bestimmten.²⁹
Sources and Methods
Belegtypen: Diese Studie integriert archäologische Befunde (Keramik, Ikonographie), organische Rückstandsanalysen (Lipidanalysen), ethnographische Parallelen traditioneller Milchverarbeitung, genetische und paläogenetische Forschung zur Laktasepersistenz sowie grundlegende Erkenntnisse der Lebensmittelwissenschaft.³⁰
Evidenzkategorien: Interpretative Aussagen sind nach drei Evidenzstufen getrennt: (a) archäologisch gesicherte Befunde, (b) technologisch plausible Rekonstruktionen, (c) explizit spekulative/experimentelle Hypothesen.³¹
Vorgehen: Aussagen zu Prozessen (Temperaturen, pH-Richtwerte, Verfahrensschritte) basieren auf einer Kombination aus experimentell-technischem Wissen und ethnographischen Analogien; archäologische Befunde dienen als Ankerpunkte für Chronologie und regionale Verteilung.³²
Limitationen
Die Interpretation ist durch mehrere Faktoren begrenzt: Erhaltungsbias organischer Materialien, regionale und zeitliche Variabilität der Praxis sowie die Schwierigkeit, mikrobiologische Prozesse archäologisch direkt nachzuweisen.³³ Viele Rekonstruktionen bleiben daher hypothetisch und bedürfen experimenteller Validierung.³⁴ Diese Einschränkungen sind im Text transparent gemacht.
Experimentelle Implikationen und testbare Hypothesen
Die rekonstruierte Kaskade bietet konkrete Ansatzpunkte für experimentelle Archäologie:
• Stabilität von Fermentationen in unglasierten Tongefäßen: Tests unter variierenden Porositäts- und Wandstärkenbedingungen.³⁵
• Laktose-Reduktion: Messung der Laktosekonzentration vor und nach Fermentation sowie nach Abtropfen/Trocknung.³⁶
• Wärmebehandlung: Vergleich von mild erwärmten (40–50 °C) und nicht erwärmten Chargen hinsichtlich Synärese und Trocknungszeit.³⁷
• Trocknungseffizienz: Simulation von Sonnentrocknung vs. kontrollierter Lufttrocknung in klimatischen Bedingungen des Vorderen Orients.³⁸
• Hybridversuche: Experimentelle Ansätze zur Kombination von Sauermilch mit Bappir-Krümeln oder Dattelsirup, um duale Fermentationen zu prüfen (als explizite Hypothese).³⁹
Schlussbemerkung
Mit der Einbeziehung biologischer Rahmenbedingungen wie der Laktoseintoleranz wird deutlich, dass frühe Milchverarbeitung im Vorderen Orient nicht allein durch Konservierungsbedürfnisse motiviert war. Sie stellt eine integrative Anpassung an ökologische, technologische und physiologische Grenzen dar.⁴⁰ Fermentation, Entwässerung und Trocknung bilden ein kohärentes System, das die Umwandlung eines hochverderblichen Rohstoffs in eine Palette sicherer, lagerfähiger Nahrungsmittel ermöglichte.
Fußnoten
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- Roffet-Salque et al. 2017; Evershed 2008.
- Sherratt 2007; Tamime 2006 (technologische Plausibilität von Kulturen/Handhabung fermentierter Milch).
- Tamime und Robinson 1999; Tamime 2006.
- Tamime und Robinson 1999 (Typologie/Herstellung yoghurtähnlicher Produkte); Kindstedt 2012 (Vergleich Fermentations-/Abtropfprodukte).
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- Potts 1997; Dalby 2003.
- Kindstedt 2012 (vergleichende Techniken); Heiss 2017 (Konservierung).
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- Methodischer Standard; vgl. Evershed 2008 (Interpretationslogik organischer Rückstände).
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