Die erste Spur
Manchmal beginnt alles mit etwas, das man fast übersieht.
Ein Stein, der nicht hierher gehört. Eine Kante im Boden, die zu gerade ist. Ein Stück Keramik, das nicht glänzt, aber trotzdem aus dem Sand heraussticht, als hätte es darauf gewartet, gesehen zu werden.
Die erste Spur ist selten spektakulär. Sie ist eher eine Irritation.
Und genau deshalb ist sie wertvoll.
Denn eine Spur ist kein Beweis. Eine Spur ist eine Frage, die im Gelände liegt. Wer Spuren liest, muss zuerst lernen, diese Frage auszuhalten – ohne sofort eine Geschichte zu erfinden.
Das ist schwerer, als es klingt.
Unser Kopf liebt klare Erzählungen: Das ist römisch. Das ist byzantinisch. Das gehört zusammen.
Aber das Gelände ist nicht so freundlich. Es zeigt Dinge, die nicht passen. Es zeigt Schichten, Verschiebungen, Brüche. Es zeigt Zufall neben Absicht.
Eine Spur ist oft nur ein Verhältnis:
Etwas wirkt unwahrscheinlich.
Etwas wirkt wiederholt.
Etwas wirkt fremd.
Nicht als Gewissheit – eher als Arbeitsgrundlage.
So entsteht Archäologie im Kleinen: nicht als Jagd nach Sensationen, sondern als disziplinierte Aufmerksamkeit. Als Übung darin, dem Offensichtlichen zu misstrauen und dem Unscheinbaren Zeit zu geben.